Gelassenheit

Eine ganz wichtige Haltung in der salesianischen Spiritualität ist die Gelassenheit.

Klingt das nicht wie ein unerreichbares Ziel in unserer hektischen, stressgeplagten Zeit? Doch die Gelassenheit, der Gleichmut, sind nicht zu verwechseln mit Kaltherzigkeit oder einer „Alles-egal-Haltung“. Der Gleichmut basiert auf dem Vertrauen, dass wir alle in Gottes liebender Hand geborgen sind. Wir können (und sollen) nicht alle schlimmen Ereignisse und Umstände unseres Lebens als gottgewollt akzeptieren, die Schulter zucken und zum Alltag übergehen. Gelassenheit bedeutet, sich lebenslang auf den Weg machen zu einer positiven Gottesbeziehung und einer bejahenden Haltung zu uns selbst, unseren Mitmenschen und der Schöpfung. Und das bedeutet auch, sich nicht abfinden mit dem Leiden oder dem Bösen. Es geht darum, in allem, was wir erleben, einen Anruf Gottes zu sehen; die Augen und Ohren offen zu halten: Was mutet mir Gott da gerade zu? Was ist sein Wille, wie ich mich jetzt dazu verhalten soll?

Dazu kann uns ein Gebet helfen, das viele von uns kennen: „Herr, schenke mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.“

Franz von Sales bringt ein anschauliches Beispiel aus der Welt der Seefahrt, um uns den Gleichmut verständlich zu machen. Er schreibt:

„Mag das Schiff diesen oder jenen Kurs nehmen, mag es nach Westen oder Osten, nach Süden oder Norden steuern, mag dieser oder jener Wind es treiben, die Kompassnadel wird doch stets nach Norden zeigen. Mag nicht nur um uns herum, sondern auch in uns alles drunter und drüber gehen, mag unsere Seele traurig oder vergnügt und fröhlich, verbittert und unruhig oder friedlich sein, immer soll unser Herz, unser Geist und der höhere Wille gleich der Kompassnadel unablässig auf die Gottesliebe als ihr einziges und höchstes Gut schauen und ausgerichtet sein.

Dieser unwandelbare Entschluss, niemals Gott zu verlassen oder seine beglückende Liebe aufzugeben, dient der Seele als Gegengewicht, um sie in heiligem Gleichmut mitten im Wandel der wechselnden Lebensumstände und Ereignisse zu halten.“

(Philothea, IV,13, S. 230)

Dabei verhalten wir uns liebenswürdig, gewinnend und herzlich. Unsere Mitmenschen sollen nicht den Eindruck bekommen, das Leben in der Gegenwart Gottes sei uns eine Last. Sie sollen spüren, dass dieses Leben in der Gegenwart Gottes uns das Leben in Fülle schenkt.

Auf den Punkt gebracht heißt salesianisch leben: Leben in der liebenden Gegenwart Gottes bei allem, was wir tun.

Wie geht es Ihnen mit dem, was Sie hier über die salesianische Spiritualität gelesen haben?

Vielleicht fühlen Sie sich dazu hingezogen. Und gleichzeitig mag sie Ihnen wie ein unerreichbares Ziel erscheinen, vor dem Sie etwas ratlos stehen. Ja, es ist ein Ziel, das wir nicht ein für alle Mal erreichen können, sondern ein Ziel, auf das wir uns jeden Tag neu auf den Weg machen müssen.

Franz von Sales hat zu seinen Lebzeiten vielen Menschen auf ihrem Glaubensweg helfen können. Seit 400 Jahren gehört sein Werk „Philothea. Anleitung zum religösen Leben“ zu einem der meistgekauften christlichen Bücher, denn er war ein guter Kenner der menschlichen Psyche und ein „Meister der kleinen Schritte“.

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