Pater Herbert Winklehner OSFS, ein ausgezeichneter Kenner des Heiligen und Leiter des Franz-Sales-Verlag, beantwortet sie Ihnen gerne. Allgemein interessierende Aussagen werden hier veröffentlicht. Schreiben Sie Ihre Fragen an: angefragt@franz-von-sales.org
Bisher beantwortete Fragen:
- Welche
Rolle spielte für Franz von Sales Théodore de Bèze?
-
Hat Franz von Sales zu Inquisition und Hexenverbrennung Stellung genommen?
- Hat sich
Franz von Sales zu Krieg und Gewalt geäußert, z.B. zu den damals stattfindenden
Religionskriegen (die schließlich zum 30jährigen Krieg führten)?
(Angefragt von Monika Fromme aus Köln)
Théodore de Bèze (1519-1605) war der Nachfolger von Jean Calvin, dem Gründer der Calvinisten, in Genf. Er war also der direkte Gegenspieler des hl. Franz von Sales in seinem Versuch, die Calvinisten für die Katholische Kirche zurückzugewinnen. In seinen Kontroversschriften und apologetischen Predigten zur Verteidigung des katholischen Glaubens nannte Franz von Sales Jean Calvin und Théodore de Bèze meist im gleichen Atemzug, wobei für Franz von Sales Bèze die calvinische Häresie noch verschärfte. In einem seiner berühmten Flugblätter aus der Zeit der Chablais-Mission schrieb er etwa: „Calvin wollte sich wohl absichern mit einer Unterscheidung, indem er sagte, die Kirche könne irren in Dingen, die nicht zum Heil notwendig sind, nicht aber in notwendigen. Beza dagegen erklärt offen, sie habe so sehr geirrt, dass sie nicht mehr Kirche sei.” (DASal 10,69)
Franz von Sales musste jedoch auch Informationen darüber erhalten haben, dass es begründete Hoffnungen gäbe, Bèze zur Rückkehr in die Katholischen Kirche bewegen zu können. So schrieb er 1596 in einem Brief an Papst Clemens VIII., den er P. Esprit de Beaume, seinem Mitstreiter im Chablais, nach Rom mitgab. In einem späteren Brief, den er 1597 nach Rom schickte, berichtet er darüber:
„Im vergangenen Jahr haben P. Esprit de Beaume, ein Prediger aus dem Kapuzinerorden, und ich selbst, überzeugt durch gewichtige Aussagen vieler Leute, auf die Bekehrung Bezas, des Ersten unter den häretischen Calvinisten, und auf seine Rückkehr zur katholischen Kirche zu hoffen begonnen. Um für eine so wünschenswerte Sache es weder an unseren Bemühungen fehlen zu lassen noch Mittel zu vernachlässigen, sind wir übereingekommen, dass P. Esprit, der zum Generalkapitel seines Ordens nach Rom kommen sollte, die ganze Angelegenheit der Güte Eurer Heiligkeit unterbreiten und Sie bitten sollte, dass es dem Häresiarchen (wenn das Gerücht sich bestätigt) nicht an der apostolischen Fürsorge fehle.” (DASal 10,339)
Franz von Sales erhielt von Papst Clemens VIII. tatsächlich den Auftrag, mit Bèze Glaubensgespräche zu führen. Der Dompropst besuchte daher 1597 den Genfer Reformator drei Mal, um ihn davon zu überzeugen, dass die katholische Lehre richtig und die Lehre der Calviner falsch sei. Durch die Art und Weise wie Franz von Sales diese Gespräche führte – mit hoher Intelligenz und vor allem mit einer großen Achtung vor seinem Gegenüber – konnte sich der Dompropst tatsächlich begründete Hoffnungen machen, dass Bèze sich Schritt für Schritt der katholischen Kirche annähern könnte. „Nach meiner Ansicht”, so schreibt Franz von Sales nach dem ersten Gespräch (9. April 1597) an Papst Clemens VIII., „wäre es möglich, ihn zum Schafstall unseres Herrn zurückzubringen, wenn man sich häufiger und ungestörter mit ihm aussprechen könnte; das glaube ich mit allem Vorbehalt seinen Worten entnehmen zu können” (DASal 10,340).
Nach einem zweiten Gespräch (3. Juli 1597) meinte Théodore de Bèze, er sei bereit, seine Religion aufzugeben, falls man ihm eindeutig nachweisen könne, dass er im Irrtum sei; er bete zu Gott, dass er ihn dies erkennen lasse. Das genaue Datum des dritten Besuches ist nicht bekannt, es blieb jedoch das letzte Gespräch, in dem Bèze nicht mehr von seinen calvinischen Standpunkten abrücken wollte.
Etwas, das die calvinischen Gemüter bis heute erhitzt, darf von diesem dritten Gespräch nicht unerwähnt bleiben. Franz von Sales bot nämlich Théodore de Bèze bei diesem letzten Gespräch eine Rente von „4000 Goldtalern” an, sollte er dem Calvinismus abschwören. Die Calviner werten dieses Angebot eindeutig als Bestechung. Franz von Sales seien eben die Argumente ausgegangen, daher versuchte er die Bekehrung Bèzes mit Geld zu erkaufen. Tatsache jedoch ist, dass Franz von Sales aufgrund anderer Bekehrungen ganz genau wusste, was mit einem Calviner geschah, der zur katholischen Kirche zurückkehrten. Er wurde von den Calvinern seines gesamten Besitzes beraubt. Er musste sein Haus verlassen und stand mittellos auf der Straße. Franz von Sales war nicht nur im Fall Bèzes bemüht, diesen sicheren materiellen Verlust auszugleichen. Er bemühte sich auch bei vielen anderen Calvinern, die bei einer eventuellen Bekehrung Angst um ihren Besitz und damit um ihre Zukunft hatten, einen finanziellen Ausgleich zu schaffen. So und nicht anders ist dieses Angebot an Bèze zu verstehen. Franz von Sales wollte Béze deutlich machen, dass er nach seiner Bekehrung nicht mittellos wäre, auch wenn er sein gesamtes Hab und Gut in Genf zurücklassen müsse.
Eine Rückkehr Théodore de Bézes zur katholischen Kirche fand jedoch nicht statt. Der Genfer Reformator starb am 13. Oktober 1605 im Alter von 86 Jahren. Ein besonderes Zeichen dafür, wie Franz von Sales zu Andersgläubigen stand, selbst wenn diese zur Elite seiner Glaubensgegner gehörten, ist die Tatsache, dass er eine Heilige Messe für das Seelheil Bézes nach dessen Tod feierte.
(Angefragt von Erika Fröhlich aus Mönchengladbach)
Wir hätten es natürlich sehr gerne, wenn wir diese Frage eindeutig so beantworten könnten: Ja, Franz von Sales hat als christlicher Humanist klar Stellung bezogen und Hexenprozesse und Hexenverbrennungen verurteilt. Leider ist das aber nicht so einfach und eindeutig.
In seiner Schrift „Verteidigung der Kreuzesfahne”, die er während seiner Zeit als Missionar im Chablais (1594-1598) verfasste, können wir zum Beispiel lesen: „Der Teufel, der ein Geist ist, begnügt sich nicht damit, die Huldigung der Hexenmeister zu empfangen, sondern prägt ihnen ein körperliches Merkmal ein, wie tausend Berichte und Prozesse, die man gegen sie geführt hat, bestätigen. Wer zweifelt daher daran, dass dieser Mensch der Sünde, ein so gelehriger Schüler des Teufels, dasselbe tut und dass er, wie im Altertum viele taten, gekennzeichnete und gebranntmarkte Diener haben will?” (DASal 11,171)
Wir fühlen uns bei diesem Satz sofort an den Hexenhammer und zahlreiche Schilderungen von Hexenprozessen erinnert, wo ein einfaches Muttermal oder eine Narbe schon als Beweis diente, dass jene Frau oder jener Mann mit dem Teufel in Bund steht und daher als Hexe oder Zauberer verbrannt werden muss.
Zur Zeit des heiligen Franz von Sales Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts stand der Aberglaube unter der Bevölkerung noch hoch im Kurs. Davor war zumindest anfangs auch der heilige Franz von Sales nicht gefeit. Als Kind und Jugendlicher litt er unter Alpträumen und hatte Angst vor der Dunkelheit, weil er dachte, dass ihm darin Dämonen und der Teufel auflauern. Seine Krise in Paris und vor allem die Erfahrung, dass Gott ein Gott der Liebe ist, der stärker ist, als alle finsteren Mächte des Bösen zusammen, nahm ihm diese Angst. Später war er über die Stunden der Nacht sogar froh, weil er sich dort in Ruhe und ungestört ganz diesem Gott der Liebe widmen konnte.Mit Ausnahme der oben schon zitierten Stelle ist von ihm keine weitere Aussage zu Hexenprozessen überliefert. Mit Sicherheit kann man auch annehmen, dass zu seiner Zeit und in seinem Einflussbereich keine Hexen verfolgt oder gar verbrannt wurden. Unverständlich bleibt jedoch, dass er die Verbrennungen, die zu seiner Zeit auf Anordnung von Théodore de Bèze in Genf stattgefunden hatten, mit keinem Wort anprangerte, nicht einmal in seinen drei Gesprächen, die er mit dem Nachfolger von Jean Calvin persönlich führte.
Franz von Sales hat seine Meinung über Hexerei, Aberglaube und Besessenheit, wie so vieles andere auch, im Laufe seines Lebens jedoch geändert. Der junge Franz von Sales, der als Missionar im Chablais den katholischen Glauben gegenüber den Calvinern verteidigte, unterscheidet sich in manchem vom Bischof Franz von Sales, der sowohl in seiner Theologie als auch in seinem Verhalten gegenüber den Mitmenschen, vor allem den Andersdenkenden und Andersglaubenden, ausgeglichener und gereifter wirkt.
Eine überlieferte Begebenheit von einer seiner zahlreichen bischöflichen Visitationsreisen in die entlegendsten Bergdörfer, in denen der Aberglaube noch großen Einfluss auf die Menschen ausübte, mag dies etwas erhellen. Eines Tages kam Franz von Sales in ein Dorf, in dem große Aufregung herrschte. Als der Bischof nach dem Grund fragte, führte man ihn zu einer Gruppe von Menschen, die keinen besonders einladenden Eindruck machten. „Herr Bischof,” sagten die Dorfbewohner, „die sind alle vom Teufel besessen.” Franz von Sales blieb gelassen und meinte nur, das sei kein Problem. Jesus ist, wie die Bibel sagt, stärker als Legionen von Dämonen. Dann befahl er den Besessenen, mit ihm in die Dorfkirche zu gehen. Dort besprengte er sie ordentlich mit Weihwasser und der Spuk hatte augenblicklich ein Ende.
(Angefragt von Erika Fröhlich aus Mönchengladbach)
Der heilige Franz von Sales gilt heute in der Kirchengeschichte als „Heiliger der Sanftmut”. Diese Bezeichnung allein beantwortet eigentlich schon die Frage ganz klar: Franz von Sales war gegen jede Art von Krieg und Gewalt. Vor allem lehnte er Krieg und Gewalt als Mittel ab, Andersgläubige zum katholischen Glauben zu bekehren. Jene berühmte Rede, die er als neu ernannter Dompropst der Diözese Genf-Annecy, also als Nummer 2 nach dem Bischof, im Dezember 1593 hielt, gilt als sein Manifest, was die Bekehrung von Nicht-Katholiken betrifft. Man kann es auch als sein Manifest gegen Krieg und Gewalt und jede Art von Religionskriegen ansehen. Seine „Glaubensgegner” waren damals die Calviner. Und die Hochburg der Calviner war die Stadt Genf. Darüber sagte nun Franz von Sales:
„Durch Liebe müssen die Mauern Genfs erschüttert werden, durch Liebe muss der Einbruch erreicht, durch Liebe muss Genf zurück gewonnen werden ... Nicht Eisen schlage ich vor, nicht Schwefeldampf, der nach dem Feuerofen der Hölle schmeckt und riecht. Ich fördere nicht jene Heerlager, deren Soldaten weder Glauben noch Gottesfurcht haben. Die Heerlager Gottes sollen jene sein, in denen Posaunen gleich die lieblichen Stimmen ertönen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen (Jes 6,3). Darauf richtet eure Aufmerksamkeit, teuerste Mitstreiter, und darauf, welche Treue ihr Gott, der Kirche, dem Vaterland, den Altären und den Familien schuldet. Zeigt diese Treue eifrig, erweist sie, wenn sich dazu Gelegenheit bietet. Ich meine, ihr seht schon von ferne, wo mein ganzer Plan hinaus will, um Genf zurück zu gewinnen. Durch Hunger und Durst müssen die Feinde bekämpft werden, doch nicht durch den der anderen, sondern durch unseren eigenen. Durch Gebet müssen sie vertrieben werden, zumal sie eine Art von Dämonen sind, die nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden können (Mt 17,20; Mk 9,28) ... Durch den Schall der Gebete müssen die Mauern zum Einsturz gebracht werden. Der Angriff muss durch gegenseitige Liebe gemacht werden, hier, durch sie müssen wir unsere Angriffsspitze vortragen. Die ewige Stadt, von der so Ruhmvolles gesagt wurde (Ps 86,3), die durch eine so erhabene und günstige Lage geschützt wird, dass sie nicht einmal für das Auge erreichbar ist, diese himmlische Stadt, sage ich, kann durch Gebete und gute Werke berannt werden, dass sie jenen, die sie mit solchen Geschoßen angreifen, zur Beute überlassen wird, wie der Oberbefehlshaber dieser Burg, Christus, der Herr (Mt 11,12) sagte: Das Himmelreich leidet Gewalt; die Gewalt anwenden, werden es erobern. Wenn dem so ist, was außer Zweifel steht, um wie viel mehr wird es möglich sein, eine Stadt geringer Ausdehnung, gewöhnlich und verachtet, durch die Kriegswerkzeuge der Gebete und guten Werke zu erobern. Gehen wir tapfer vor, meine teuersten Brüder. Der Liebe muss alles weichen. Stark wie der Tod ist die Liebe (Hld 8,6); dem Liebenden ist nichts zu schwierig.” (DASal 10,387f)
Liebe, Buße, Gebet und gute Werke sind für Franz von Sales jene Mittel, die
zur Bekehrung Andersgläubiger angewendet werden müssen, nicht Waffengewalt.
Daran hielt er sich sein ganzes Leben lang. In seiner Kindheit erlebte er die
kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Calvinern und dem Herzogtum
Savoyen. Ein Schloss seiner Familie in Brens wurde niedergebrannt. Er sah das
Elend, das durch den Krieg verursacht wurde, was ihm klar vor Augen führte, dass
Krieg und Gewalt keine hilfreichen Methoden sind. Sie verursachen mehr Unglück
als sie Gewinn bringen. Als er Ende 1594 begann, die calvinische Bevölkerung des
Chablais für den katholischen Glauben zurückzugewinnen, wusste er, dass dies
schon seit fast 70 Jahren immer wieder versucht wurde, immer wieder mit der
militärischen Unterstützung des savoyardischen Herzogs und immer wieder
scheiterte. Für Franz von Sales war klar, dass er eine andere Methode bevorzugen
wird: nicht Waffen und Gewalt, sondern Gebet, Überzeugung, Achtung und Liebe.
Deshalb weigerte er sich, das Angebot seines Burgherrn, bei dem er die ersten
Monate wohnte, eine bewaffnete Eskorte als Begleitschutz anzunehmen, weil er
seine Mission nicht „im Schutz von Piken und Hellebarden” durchführen wollte.
Und seine Methode hatte Erfolg. Innerhalb von vier Jahren kehrten fast alle
Einwohner des Chablais zur katholischen Kirche zurück – ohne Blutvergießen und
ohne den militärischen Druck von oben.
Bis heute hält sich vor allem in protestantischen Kreisen das Gerücht, der hl.
Franz von Sales hätte den militärischen Angriff des Herzogs von Savoyen auf Genf
am 21. Dezember 1602 – die sogenannte Eskalade von Genf – nicht nur gut geheißen
sondern auch gewünscht, damit er als gerade geweihter Fürstbischof von Genf an
Weihnachten dort die Heilige Messe feiern könnte. Dieses Gerücht hat sich jedoch
als historisch falsch erwiesen. Franz von Sales wusste von den Plänen seines
Herzogs nichts und er war nach der misslungenen Aktion, die 16 Tote, zwei
Schwer- und 25 Leichtverletzte forderte, sehr betroffen. Genf wurde nach diesem
missglückten Angriff zur freien Stadt erklärt und war damit für die Diözese
endgültig verloren. Für Franz von Sales bestätigte sich erneut, dass Krieg keine
Methode ist, Probleme jeglicher Art zu lösen.
Wie sehr Franz von Sales Krieg und Gewalt ablehnte zeigt auch seine Haltung gegenüber den alltäglichen Rechtsstreitigkeiten. Als gelernter Jurist und anerkannter Anwalt, der immer wieder darum gebeten wurde, in Streitfällen als Richter zu fungieren, wusste er, wovon er sprach, wenn er sagte: „Der Ausgang eines Prozesses muss ganz außerordentlich glücklich sein, wenn er die Kosten und Bitterkeiten, die Hetzjagd, die Zerfahrenheit des Herzens und den Gestank der Vorwürfe ausgleichen soll, wie die vielen Unannehmlichkeiten, die Prozesse gewöhnlich mit sich bringen.” (DASal 6,376)
Und in einem Brief an Johanna Franziska von Chantal können wir lesen, dass er selbst bemüht war, jeden Streit außergerichtlich zu lösen: „Ich preise Gott dafür, dass Sie Ihre Prozesse ausgleichen wollen. Seit ich von der Visitation zurück bin, war ich immer wieder so sehr bedrängt, Verhandlungen durchzuführen, dass meine Wohnung voll war von streitenden Parteien, die sich, Gott sei Dank, zum Großteil wieder in Frieden und Ruhe zurückzogen.” (DASal 5,138)
Sein Rat in der „Philothea” ist daher eindeutig: „Wenn sie nicht wirklich im Gewissen verpflichtet ist, einen Prozess oder andere aufregende Auseinandersetzungen zu führen, so rate ich ihr, davon die Finger zu lassen und ihre Geschäfte so ruhig und friedlich als möglich zu führen, auch wenn sie dann keinen so großen Gewinn abwerfen sollten. Der Gewinn solcher Streitigkeiten muss schon sehr hoch sein, um mit dem Gut des heiligen Friedens verglichen werden zu können.” (DASal 1,207)
Der „Gut des heiligen Friedens” blieb für Franz von Sales stets wertvoller als jeder Gewinn, denn Krieg, Gewalt und Streitigkeiten einbringen können. Dass er in seiner Zeit mit dieser Meinung eher alleine dastand, zeigt nicht nur die Prozesswut, die es zu seiner Zeit gab, sondern auch die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen, die kurz vor dem Tod des heiligen Franz von Sales im Jahre 1618 zur Katastrophe des 30-jährigen Krieges führten. Seine Friedensbemühungen bei Herzögen und Königen wurden freundlich angehört, blieben jedoch weitestgehend wirkungslos.
Franz von Sales war, wie sich an zahlreichen Aussagen belegen lässt, eben der Meinung, dass der Teufel nur dann Macht über den Menschen hat, wenn der Mensch ihm diese Macht geben will. Das heißt: Wer sich an Gott hält, bei dem hat der Teufel keine Chance. In Briefen an Johanna Franziska von Chantal kommt dies sehr gut zum Ausdruck:
„Denn der Teufel umschleicht unseren Geist (1 Petr 5,8), lauernd und Verwirrung stiftend; er schaut, ob er nicht irgendeine Tür offen findet. So ist er bei Ijob, beim hl. Antonius, bei der hl. Katharina von Siena und bei einer Menge guter Seelen vorgegangen, die ich kenne. Was nun? Soll man sich deswegen ärgern? - Lassen Sie ihn nur sich langweilen, meine gute Tochter, und halten Sie alle Zugänge fest verschlossen; am Ende wird er müde werden; wenn aber nicht, dann wird Gott ihn zwingen, die Belagerung aufzugeben. Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen bereits früher gesagt habe (ich glaube es wenigstens): es ist ein gutes Zeichen, wenn der Teufel soviel Lärm und Getöse um den Willen herum macht. Das ist ein Zeichen dafür, dass er nicht drinnen ist.” (DASal 5,81)
Oder: „Fürchten wir nichts, außer Gott, und ihn mit einer Furcht voll Liebe; halten wir unsere Türen fest verschlossen; achten wir darauf, dass die Mauern unserer Entschlüsse nicht gerammt werden, und leben wir dann in Frieden. Lassen wir den bösen Feind uns umschleichen und um uns seine Kreise ziehen; mag er mit aller Kraft des Bösen toben, er vermag doch nichts. Glauben Sie mir, meine liebe Tochter, quälen Sie sich nicht ab wegen all der Vorstellungen, die der Feind Ihnen eingibt. Man muss nur ein wenig Geduld haben, um sein Lärmen und Poltern an den Ohren unseres Herzens zu erdulden; darüber hinaus kann er uns nichts schaden.” (DASal 5,148).
In seinen amtlichen Entscheidungen als Bischof wird deutlich, dass das Thema „Hexen” und „Zauberer” zur Zeit des heiligen Franz von Sales ein durchaus bedeutsames war. Franz von Sales hat jedoch erkannt, dass damit auch unter seinen Priestern eine Menge Unfug getrieben wurde, dem Einhalt geboten werden muss. Er erklärte deshalb diese Themen zur „Chefsache”. Niemand dürfe zum Beispiel ohne seine ausdrückliche Genehmigung einen Exerorzismus vornehmen. So dokumentieren es zwei seiner Synodenbeschlüsse.
Der eine stammt aus dem Jahr 1603 und lautet: „Keiner nehme von jetzt an den Exorzismus vor, wenn er nicht besonders und von neuem dazu ermächtigt ist. Und es ist allen Exorzisten allgemein verboten, dem Teufel zu befehlen, dass er die Namen von Zauberern und Hexen zu offenbaren habe, noch irgendeine andere Art von Sünde.” (DASal 12,61)
Franz von Sales reagiert hier offenbar auf jenen Missbrauch, der bei Hexenprozessen oft Anwendung fand. Den vermeintlichen Hexen und Zauberern wurden unter Folter Namen herausgepresst, denen dann ebenso der Prozess gemacht wurde.
Ähnlich klingt auch der Beschluss auf der Synode von 1605: „Allen Geistlichen ist es verboten, künftig den Exorzismus vorzunehmen, wenn sie nicht von neuem von Uns oder unserem Generalvikar zugelassen und diese Zulassung denen schriftlich gegeben wird, die für geeignet befunden werden, dieses Amt auszuüben. Ihnen verbieten Wir unter Androhung der Exkommunikation, den Exorzismus außerhalb der Kirche vorzunehmen, die Besessenen in ihrem Haus zu behalten, vor allem Frauen und Mädchen, und mit ihnen Reisen und Wallfahrten zu machen; unter der Strafe von 25 Pfund und anderen Maßnahmen.” (DASal 12,63)
Sehr erhellend in dieser Frage sind noch die Weisungen, die Franz von Sales seinen Beichtvätern erteilt: „Wenn ihr Menschen begegnet, die wegen außergewöhnlicher Sünden wie Hexerei, Einlassen mit dem Teufel, Bestialität, Mord und ähnlicher Ungeheuerlichkeiten äußerst verschreckt und in ihrem Gewissen beunruhigt sind, dann müsst ihr sie mit allen Mitteln aufrichten und trösten. Versichert sie der großen Barmherzigkeit Gottes, die unendlich größer ist, um ihnen zu vergeben, als alle Sünden der Welt, um sie zu verdammen; versprecht ihnen, dass ihr ihnen in allem beistehen werdet, wessen sie von euch zum Heil ihrer Seele bedürfen.” (DASal 12,77)
Diese Weisung zeigt deutlich, dass Franz von Sales vermeintlich Besessenen auf gar keinen Fall den Prozess machen will, sondern ganz im Gegenteil: Die Beichtväter sind angehalten, gerade diese Menschen „mit allen Mitteln aufzurichten und zu trösten” und ihnen deutlich zu machen, dass die Barmherzigkeit Gottes größer ist als alle Sünden der Welt.
Am Ende seiner „Weisungen für Beichtväter” weist er noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass Hexerei und Zauberei Sünden sind, die er sich als Bischof vorbehält. Offensichtlich zeigte ihm seine Erfahrung, dass auf diesem Gebiet nicht alle seine Beichtväter seiner Meinung sind, was ihn dazu veranlasste, dass solche Fälle ihm persönlich mitgeteilt werden, damit er selbst solchen Menschen sagen konnte, dass Gott größer ist als jeder Teufel und dass sich jene Menschen, die auf Gott vertrauen, vor keiner Besessenheit zu fürchten brauchen.