Demut

Wie reagieren Sie auf das Wort „Demut“?

Gehen Sie vielleicht innerlich auf Abwehr und assoziieren damit etwas frömmelndes, selbstverleugnendes oder gar kriecherisches? Das hat wahrscheinlich seine Ursache in einem falschen Demutsbegriff, der Menschen dazu geführt hat, sich selbst zu verachten oder zu misstrauen. Die Forderung, demütig zu sein, wurde auch zur Beherrschung anderer missbraucht.

Mit Demut meint Franz von Sales etwas ganz anderes. Er schätzte die Demut als höchste Tugend ein – direkt nach der Liebe.  Sie ist für ihn der tragfähige Grund, auf dem das ganze Gebäude des geistlichen Lebens ruht. Er schreibt dazu:

„Nicht ohne Grund wird die Demut die Grundlage aller Tugenden genannt, denn ohne sie gibt es keine Tugend; und obgleich sie nicht die erste ist – die heilige Liebe und die Liebe zu Gott übertreffen sie an Würde und Wert -, so haben doch beide eine solche Anteilnahme und Verbindung miteinander, dass die eine nie ohne die andere vorhanden ist.“

(aus: Oeuvres von Annecy, Band IX, Seite 110)

Wie kann man denn die Haltung der Demut in sich wecken?

Um eine „gesunde“ Demut zu entwickeln, sind zwei Schritte notwendig:

  • Erstens sollen wir uns klar machen, wie winzig klein wir angesichts der Größe und Herrlichkeit Gottes sind. Wir sollen auf unsere Schwächen und Fehler schauen und erkennen, dass wir allein ziemlich machtlos sind und daher auf seine Hilfe angewiesen. Doch dabei bleibt Franz von Sales nicht stehen – und hier zeigt sich wieder seine aufbauende, lebensbejahende Haltung in allen Fragen:
  • Er rät uns im zweiten Schritt, auf alle unsere guten Seiten zu schauen, auf all unsere Fähigkeiten und Stärken. Wir sollen uns bewusst werden, dass sie Gottes Geschenke sind..

So gesehen führt die Demut dazu, dass wir uns selbst annehmen so wie wir sind: mit all unseren Schwächen, aber auch mit all unseren Stärken. So schauen wir unserer ganzen Wahrheit ins Auge – soweit uns das möglich ist. Wenn wir das schaffen, dann leiden wir weder unter Minderwertigkeitskomplexen noch unter einem übersteigerten Selbstwertgefühl, das oft dazu führt, andere abzuwerten z.B. durch unseren Stolz und unsere Eitelkeiten.

Franz von Sales schätzt die goldenen Mitte und misstraut Extremen. Daher ermahnt er, nicht in Extreme zu fallen und das so hoch geschätzte Gleichgewicht zu halten. So schreibt er an eine Ordensschwester:

„Die Art, wie Sie sich demütigen, ist gut. Wenn Ihre Demut Sie jedoch zu Mutlosigkeit, Unruhe, Ärger oder Melancholie führen sollte, dann üben sie eine falsche Demut, dann beschwöre ich sie, diese Versuchung zurückzuweisen.“

(Briefe II, Seelenführungsbriefe an Ordensfrauen, A-2, Bréchard, S. 61)

Die Demut befreit uns von uns selbst: Ich darf so sein wie ich bin! Wahre Demut hat eine befreiende Wirkung. Sie ist die Voraussetzung für weitere salesianische Tugendhaltungen wie die Liebenswürdigkeit, die Einfachheit, die Ausgeglichenheit (Maßhaltung), die Gelassenheit. und die Sanftmut.

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